TRUE ROMANCE



Galerie im Park, Bremen
June 13 - August 29 2010

Simone Haack
Attila Szűcs
Alejandro Rodríguez-González
Markus Wüste
Mirjam Siefert

Curated by Uwe Goldenstein

Exhibition view


Markus Wüste - Plastic Bag
Markus Wüste - Plastic Bag, 2008, weißer Marmor, 38×27×6,5cm

Attila Szűcs - Figure with Box and Tree
Attila Szűcs - Figure with Box and Tree, 2008, oil on canvas, 240×190cm

Wir schreiben das Jahr 1993. Quentin Tarantinos Drehbuch für das Roadmovie True Romance wird von Tony Scott verfilmt. Ein wahrhaft verliebtes Pärchen zieht ohne Rücksicht auf Verluste durchs Land. Nur ihre Liebe zählt. Das Drehbuch wird ein Jahr später von Oliver Stone im epochalen Werk Natural Born Killers wieder aufgenommen. Ein Feuerwerk von Schnitten und Überlagerungen umringt hier das killende Paar Juliette Lewis und Woody Harrelson. Aber sie behaupten sich, bis ins Groteske unerschütterlich. Ihre Liebe weiß sich den extremen Belastungen durch konsequentes Ausagieren zu behaupten. Analysiert man den Film nach seinen prägenden Bildern im Gewitter des mehrschichtigen Medien-Chaos, so fällt auf, dass die romantischen Motive aus unberührter Natur und stiller Sehnsucht immer wieder ins Geschehen drängen. Dazu singen Bob Dylan und Leonard Cohen melancholische Balladen. Die Quintessenz des Films deutet also auf die einzige Möglichkeit von authentischem Sein im Zusammenschweißen durch die romantische Liebe hin. Aber auch die ist natürlich eine Utopie und bleibt letztlich ein Zeichen im endlosen Meer an vorgefertigten medialen Animationen und künstlichen Gefühlssuggestionen.

Meine These ist, dass in der engagierten zeitgenössischen Kunst diese romantische Utopie ein ungemein starker, wenn auch latenter zeitgeistlicher Lenker ist, der aus den künstlich übersättigten Motiven der Medien und der postmodernen Entgrenzung der ewig verweisenden Kontexte einen symbolischen Ausweg weist. In dieser Ausstellung möchte ich vehement diese Möglichkeit des Sich-Widersetzens gegen die allgegenwärtige mediale Umnutzung durch wohl kalkulierte und sehr eindringliche Bilder vorzeigen, die auch in Natural Born Killers tragend sind. Im Gegensatz zu den o.g. filmischen Akteuren deuten die Künstler dieser Ausstellung allerdings konsequent nach innen. Statt sich den Weg freizuschießen, ziehen sich ihre Bildfiguren zurück, sind widerstrebend und oft allein, weltabgewandt, geheimnisvoll und suchend. Fragil, auf sich selbst besinnend und vertrauen - ganz im romantischen Sinn — vollkommen ihrer Intuition. Dabei sind sie stets von einem malerischen Schleier umhüllt. Der Partner fehlt, eine True Romance lässt sich nach ihren Konzepten nicht realisieren aber bleibt gleichzeitig eine treibende Kraft, die ins Unbewusste verlagert ist. Sie verweisen auf den Rückzug aus der banalen, systemimmanenten Welt durch das Stillstellen des Bewusstseins, das, gibt man sich den irrsinnigen Verlockungen der vorgefertigten und flimmernden Alltagsbilder hin, sich wie ein ständig nasser Schwamm über das Seelische legt und es zu durchtränken versucht. Die wahre Romantik kann sich ihrer Ansicht nach also nur in der künstlerischen Sphäre entfalten mit der konsequenten und sympathisch leisen Aufforderung zum mentalen Rückzug. Denn auf die Kräfte der Intuition sollte man sich, vom romantischen bzw. melancholischen Geist beseelt, doch stets verlassen können.

Uwe Goldenstein