L O S T



Galerie im Park, Bremen
January 23 - May 1 2011

Franziska Klotz
Anne Wölk
Gábor A. Nagy
Adam Bota
Jens Thiele
Alexander Tinei

Curated by Uwe Goldenstein

Ausstellungsinformationen
Exhibition view


Alexander Tinei - Uncle R
Alexander Tinei - Uncle J, 2006, oil on canvas, 100×80cm

Sayonara, Nintendo. Stephen Jones aka Baby Bird

Die Ausstellung LOST findet anlässlich der Romantik-Veranstaltungsreihe des Bremer Kulturensembles im Park statt. Ich möchte in diesem Zusammenhang sechs exzellente internationale Künstler von BSA - Berlin Selected Artists vorstellen, in deren Werken sich besonders eindringlich in figürlicher wie formalästhetischer Weise elementare Wesenszüge der bis heute wirkenden romantischen Befindlichkeit vorzeigen lassen.

Die Fragestellung nach der heutigen Relevanz der Romantik eröffnet zwangsläufig eine Ambivalenz, die sich zwischen der Utopie einer individuell abgegrenzten, Natur bezogenen, harmonischen und intimen Realität auf der einen Seite und der Offenlegung von medial umgenutzten romantisierenden Strategien auf der anderen Seite bewegt. Mit den Termen Magie und Entzauberung möchte ich diese beiden Seiten, in denen die Rezeption der Romantik heute verwoben ist, ästhetisieren und mit den hoch reflektierten Bildwelten der sechs Künstler zum Vorschein bringen. In der Gesamtschau werden vielfältige Aspekte und Ideen anschaulich, die imstande sind, den Besucher, ganz im romantischen Sinne, vor den Kunstwerken zu bannen, um sich darin verlieren zu können.

Der Ausstellungstitel LOST ist positiv zu verstehen, als Aufforderung zur Rückbesinnung auf unsere je eigenen, suggestiven Ideen und Sehnsüchte nach individueller Freiheit. Begrifflichkeiten wie des Sich-Verlierens, dem Streben nach der Einlösung der Identität in eine erhabene und artifiziell abgeschottete Welt sind in dieser Schau als Leitmotive für eine zeitgemäße romantische Orientierung zu verstehen. Die Künstler greifen in ihren ästhetischen Spiegelungen auf Motive des Rückzugs, des Abwesenden und auf Bildstrategien der Auflösung zurück und demonstrieren damit eine künstlerisch aufgehobene Distanzierung zur rein funktional geordneten Welt. Diese Zustände des Ichs beschreiben eine letztmögliche Gemütsverfassung, welche die Reste von romantischer Erfahrung in unserer völlig entgrenzten und sich endlos digital wiederholenden Welt ästhetisch aufzuheben vermag.

Dementsprechend verlieren sich die Bildfiguren wie das betrachtende Auge in überschwänglichen Farben wie bei Franziska Klotz oder in hochgradig versperrten Bildebenen wie bei Anne Wölk. Die einsamen Männer am Einsertisch des jungen Wiener Malers Adam Bota werden von ihrer malerisch zerstreuten oder monochrom dunklen Umgebung umhüllt und unterstreichen die mentale Ablösung ihrer Anwesenheit zugunsten eines Hinübergleitens in einen unbewussten Zustand. Stark konstruierte Räumlichkeiten, wie sie in den Collagen von Jens Thiele erfahrbar werden, lassen die Bildfigur in einem sehr gespannten, narrativen oder vielleicht gar magischen Zustand wie in einer Zwischenwelt verharren. Die Bildnisse von Gábor A. Nagy lösen sich sogar in Schriftform auf und lassen den Betrachter gleichsam ver- wie entzaubert vor einer schwarzen Kulisse zurück. Der aus Moldawien stammende Alexander Tinei stellt seine Protagonisten in einer selbstreflexiven Pose dar, ihre verlaufenden Tatoos bezeichnen dabei sehr subtil die stetige Kraft und Omnipräsenz der Regression. Alle sechs Positionen verweisen also auf eine magische Atmosphäre der Auflösung, des Absinkens oder Suchens und münden zwangsläufig in die Dominanz des Unbewussten, die vielleicht die letzte Instanz bedeutet, die imstande ist, uns vor den endlos affirmativ flimmernden, entzauberten technischen Bildern zu schützen und somit eine wie auch immer geartete Form romantischer Wahrhaftigkeit erleben zu können.

Uwe Goldenstein