I’M NOT THERE


Steffi Stangl- Ballerina, 2009, machine. Photo by K.Turna

Collegium Hungaricum Berlin
September 17 - October 17 2010

Attlia Szűcs
Steffi Stangl
Alejandro R. González
Deenesh Ghyczy
Simone Haack

Curated by Uwe Goldenstein

Exhibition view


Simone Haack, Attila Szűcs

Die motivische Gebrochenheit und die Sicht nach innen spielt in dieser Schau die Wesensrolle. Die postromantische Utopie der Einheit von äußerer und innerer Realität wird in ihrer Spannung fassbar und im Gelage von An- und Abwesenheit spürbar. Die Künstler von I'm Not There deuten, wie im Ausstellungstitel schon angelegt, konsequent nach innen. Ihre Figuren ziehen sich ganz bewusst zurück, sind widerstrebend und oft allein, weltabgewandt, geheimnisvoll und suchend. Sie erscheinen fragil, auf sich selbst besinnend und vertrauen vollkommen ihrer Intuition. Damit erinnern sie an die in ihrer Vollkommenheit verlorene romantische Erfahrung. Denn sie sind stets von einem malerischen Schleier umhüllt oder in abstrahierte oder unscharfe Flächen eingebunden. Die visuelle Vereinigung findet allein im Malerischen statt und bleibt eine treibende Kraft, die ins Unbewusste verlagert ist.

Dementsprechend lässt Attila Szücs seine Protagonisten fast immateriell in der Bildfläche erscheinen. Sie wirken auf den Betrachter wie Bekannte, sind aber gleichzeitig entrückt. In der Vermählung mit der wohl temperierten Farbfläche kehren sie nahezu unbemerkt ihre Latenz hervor. Die Harmonie aus Farben und Formen evoziert dabei eine verdichtete Atmosphäre, die uns zusammen mit den Anwesenden in ihre Welten absinken lässt.

Deenesh Ghyczy stellt seine sich wiederholenden, mehrfach gebrochenen Figuren im Moment des freien Falls dar. Als würden sie durch ihre Fragmentarisierung in ihre eigene Abstraktion hineingleiten, fallen oder springen. Mit diesem Befreiungsakt verweist er auf den Augenblick als, im wörtlichen Sinne zu verstehenden Erfahrungsschatz, durch den jeder sich von fremden, äußeren Welten abgrenzen kann. Dies deutet auch seine aktuelle Werkserie bereits an: Mind out of Time.

Simone Haacks unbetitelte Bildlandschaft zeugt von Unnahbarkeit und subtiler Präsenz. Ihre Aktfigur wirkt trotz ihrer Übergröße abwesend und in sich selbst versunken. Der Blick findet im verwegenen Gras und in der immer unschärfer werdenden Landschaft kaum Halt. Auch sie verweist vehement auf das Innenleben der nackten, unbeschützten und doch in sich gefassten und beruhigenden jungen Frau. Das Absinken im Gras liest sich wie eine Metapher der Undurchdringlichkeit der Seele, dessen Pfade sich nur durch die konsequente Besinnung auf das Innenleben beschreiten lassen.

In den meisterhaften Gipstafeln von Alejandro Rodriguez Gonzalez tritt die fotorealistische Figur in flächig geöffneter, überlagerter Landschaft oder Architektur auf. Ihre mitunter überdeutlichen Gesichtszüge halten die Wahrnehmung momenthaft an und lassen die Blicke alsbald wieder entgleiten. Schwer fassbar, aber im diffusen Geschehen sich behauptend, vermitteln sie eine Zwischenwelt, die doch letztlich von der Gleichzeitigkeit des An- und Abwesenden geprägt ist. Symbolisch verstanden: Nur in der Melange aus Schärfe und Unschärfe beziehungsweise Augenblick und Projektion in eine narrative Vergangenheit oder Zukunft lässt sich so etwas wie Präsenz erfassen. So verwundert es nicht, dass stets der Schleier der Melancholie über die Arbeiten des Spaniers weht.

Steffi Stangl nimmt gewissermaßen alle bis hierhin angedeuteten Gemütsverfassungen Spannungen und Illusionen auf und lässt sie in die Konzeption ihrer tollkühnen Maschine, Ballerina genannt (siehe Bild oben), einfließen. "Die Arbeit thematisiert den Moment der Irritation von Wahrnehmung: ein tatsächlich kinetisches Objekt erscheint dem Betrachter unbewegt. Über den physikalischen Zusammenhang einer Frequenzsynchronisation entsteht ein gefrorener Moment. Das Raumobjekt selbst markiert die Zone der Illusion. Es enthüllt und hält auf Abstand — und erzählt die bizarre Geschichte des Traums von der Überwindung der Schwerkraft. Der Schnittpunkt von Imagination und Wirklichkeit ist am Objekt fassbar: ein künstlich geschaffener Höhepunkt scheinbar ohne Zeit und Veränderung, die Ausdehnung des fixen Mittelpunktes der rastlosen Rotation." (S.S.)

Die Künstler haben wunderbare symbolische Formen gefunden, um das Dilemma des wirklichen Gehalts der An- und Abwesenheit, also der Wahrnehmung, zu konkretisieren. Der Betrachter muss letztlich einsehen, dass, sobald er sein Selbst in Sicherheit wiegt, seine Erkenntnis zum Spuk mutiert. Die bleibende Einheit bleibt nur der Wunsch und findet, ganz im Sinne der gesamten Ausstellung, in Gedanken, im Abwesenden statt.

Alle Künstler verweisen somit auf den Rückzug aus der banalen, systemimmanenten Welt durch das Stillstellen des Bewusstseins, das, gibt man sich den irrsinnigen Verlockungen der vorgefertigten und flimmernden Alltagsbilder hin, sich wie ein ständig nasser Schwamm über das Seelische legt und es zu durchtränken versucht. Eine Versöhnung lässt sich bei ihnen nur in der Durchschreitung und Respektierung ihrer Visionen und der Kritik am normativen Allerlei einlösen. Sie kann sich nur in der künstlerisch abgeschotteten Sphäre entfalten mit der konsequenten und sympathisch leisen Aufforderung zum Rückzug. So möchte ich Sie einladen, sich den großartigen Arbeiten der Künstler mit absoluter Ruhe hinzugeben. Denn auf die Kräfte der Intuition sollte man sich, von einem melancholischen Geist beseelt, doch stets verlassen können.

Uwe Goldenstein